Mythos: Brainstorming ist überholt und bremst Ideen im Team

Immer wieder geistert dieser Mythos durch das Netz. Die Methode des Brainstormings, entwickelt von Alex Osborne vor über 80 Jahren, wird geprügelt und durchs Dorf getrieben als Kreativmethode, die alles nur noch schlimmer macht. 

Die wichtigsten Argumente gegen das Brainstorming:

  • Schnelldenker kommen zum Zug, die Nachdenker kommen zu kurz.
  • Die Leisen werden von den Dampfplauderern in die Ecke gedrängt.
  • Jeder verlässt sich auf den anderen und dadurch werden Ideen verhindert.
  • Teams sind nicht kreativ.
  • Wird nur aus unternehmenspolitischen Gründen benutzt, um alle Personen irgendwie am Kreativprozess eingebunden zu haben.

Zwei positive Aspekte werden auch genannt: Brainstorming mache Spaß und erwecke zumindest den Anschein, dass man in der Gruppe produktiver ist.

Sogar Studien existieren, die belegen, dass Brainstorming nichts bringe. Im Gegenteil, es hemme die Kreativität. Demnach würden Menschen, die ihre Ideen alleine erdenken, oder Kontrollgruppen, die am Computer gebrainstormt haben, mehr und bessere Ideen produzieren.

Das klingt nach dem klassischen wissenschaftlich untermauerten Todesstoß.

Doch seltsamer Weise gibt es Unternehmen, die regelmäßig Brainstorming einsetzen und diese Methode erfolgreich verwenden. Da stellt sich mir die Frage: Warum wird etwas seit 80 Jahren verwendet, wenn es doch nachgewiesener Maßen nicht funktionieren soll?

Erste These: Die Methode funktioniert gerade in Teams, wenn man gewisse Regeln beachtet

Je mehr Workshops ich moderiere, desto mehr merke ich, dass Brainstorming dann besonders gut funktioniert, wenn man die von Osborn aufgestellten  Regeln einhält. Lässt man sie schleifen oder verzichtet man gar darauf, kann das in der Tat dazu führen, dass Selbstdarsteller im Team die Oberhand bekommen und die anderen Teilnehmer quasi mundtot machen.

Aber was sind das für Regeln?

  1. Kritik an anderen Ideen, Vorschlägen und Beiträgen sind nicht erlaubt!
  2. Anderweitige und unterschwellige Kritik ist ebenfalls ein No-Go. Das gilt ganz besonders auch für nonverbale Beiträge wie Augenrollen, Abwinken, Lächerlichmachen etc.
  3. Killerphrasen sind nicht erwünscht (sehen Sie dazu auch meinen Blogartikel HIER).
  4. Gedanken dürfen frei geäußert werden.
  5. Unmögliches soll genannt werden.
  6. Auf Ideen der anderen aufbauen.
  7. Ideen aussprechen ohne die „Schere im Kopf“ – alles ist erlaubt.
  8. Mutig sein.
  9. Je kühner und phantasievoller, desto besser.
  10. Die Zeitvorgaben strikt einhalten.

Diese Regeln klingen für viele selbstverständlich und doch sind Teilnehmer schnell verleitet, doch mal eine abwertend Bemerkung zu einer Idee zu äußern.

Ohne Moderator wird das nichts.

Daher ist hier vor allem der Moderator gefragt. Da sehr viele Menschen von dieser Methode gehört haben, verführt sie dazu, einfach mal loszulegen, da sie ja (fast) jeder kennt. Gerade hier ist es sehr wichtig, die Regeln festzulegen und auf die Einhaltung zu pochen. Nur dann können die Kritikpunkte ausgemerzt werden, nur dann können auch die Zurückhaltenderen Gehör finden.

Je geübter die Teams im Brainstorming sind, desto produktiver und gleichberechtigter werden sie.

ERSTES FAZIT:  Nur eine enge Beachtung der Regeln garantiert wirklich offene und produktive Brainstorming-Sitzungen.

Zweite These: Teams haben mehr Perspektiven, daher entwickeln sie auch unterschiedlichere Ideen

Oft wird – wie gesagt – kritisiert, dass Einzelpersonen manchmal mehr und bessere Ideen entwickeln als Teams. Das mag in Einzelfällen zutreffen. Meine Beobachtung ist allerdings, dass Menschen, die keine klare Vorstellung vom zu lösenden Problem haben oder dieses anders interpretieren, sich logischer Weise bei der Ideenfindung  zurückhalten oder dass sie Ideen beitragen, die nicht zur Aufgabenstellung passen. 

Ohne Moderator wird das nichts, mal wieder!

Auch hier ist eindeutig der Moderator gefordert. Er muss zu Beginn dafür sorgen, dass alle beteiligten Personen eine identische Vorstellung der Aufgaben vor Augen haben und es ein gemeinsames Verständnis des Problems gibt. Ist das nicht vorhanden, kann ein Brainstorming zwangsläufig nicht den gleichen Effekt haben, wie die Gedankenspiele einer Einzelperson, die ja nur ihre eigene Vorstellung des Problems in die Ideenfindung einfließen lässt. Es gibt beim alleinigen Nachdenken natürlich keine Widersprüche in Bezug auf das Verständnis der Aufgabenstellung.

Wenn aber alle Teilnehmer mit dem gleichen Problembewusstsein an der Ideenfindung beteiligt sind, können sie auch ihre vielfältigen Perspektiven, Erfahrungen und Wissensstände zusammenbringen und so ein wirkliches Mehr an Ideen generieren.

ZWEITES FAZIT: Erst die klare Definition des Problems kann umfangreich Ideen produzieren.

Dritte These: Brainstorming ist nur für bestimmte Problemstellungen geeignet

Brainstorming war und ist für viele ein Allheilmittel. Die Methode wird bei den unterschiedlichsten Aufgabenstellungen verwendet und ist manchmal sogar die einzige bekannte und genutzte Ideenfindungsmethode. Brainstorming ist aber wie alle anderen Heilmittel nicht universell einsetzbar. Wie eine Brandsalbe wohl kaum bei brennenden Augen verwendet wird, wird Brainstorming zu oft eingesetzt. 

Es hilft in erster Linie:

  • Bei rein sprachlichen Aufgabenstellungen (z.B. wenn man einen neuen Slogan finden will).
  • Bei generellen Fragestellungen und einfach gelagerten Problemen. Je komplexer eine Problemstellung ist, desto weniger nützt das einfache Brainstoming.
  • Als Einstieg in ein Thema.
  • Ganz besonders für Zielformulierungen und Aussagen mit Symbolcharakter. Hier zeigt Brainstorming seine Stärke, da in dieser Arbeit Ziele genannt werden, die sonst oft unter der Oberfläche bleiben.

DRITTES FAZIT: Der Einsatz von Brainstorming muss gezielt und dosiert angewandt werden. Dann aber entwickelt die Methode ihre ganze Kraft und ist nicht umsonst seit acht Jahrzehnten die meist verwendete Kreativmethode. Allen Studien zum Trotz!

Was bedeutet das für die Ideenarbeit?

Ein Moderator ist viel mehr als derjenige, der zum Kreativmeeting einlädt, die Methode bestimmt und für gute Stimmung sorgt. Er ist Schiedsrichter und Antreiber und Moderierender, das sind die wichtigsten Eigenschaften auf dem Weg zur erfolgreichen Ideengenerierung.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Brainstormen.

Ihr Armin Schobloch

P.S.: Geeignete Methoden wie das Brainstorming und 554 andere wirkungsvolle Methoden finden Sie übrigens in dem „Großen Handbuch Innovation“, an dem ich zusammen mit elf anderen Innovationsexperten mitgearbeitet habe.